Die Fuhrmann Gruppe in der Presse
Die "Heidenheimer Tageszeitung" über die Neueröffnung der Gaststätte «Bahnhotel» in Gerstetten
Eine neue Ära beginnt
GERSTETTEN (bi). Wer die Geschichte des Bahnhotels bis hin zu seinen Wurzeln verfolgt, der stößt auf eine Gaststätte, die im dörflichen Leben der letzten Jahrhunderte eine dominante Rolle gespielt hat, das Gasthaus zum Pflug.
Im Ortskern und damit im Kreuzungsbereich zweier Durchgangsstraßen gelegen, war der "Pflug" Einkehr und Absteige für viele. Reiches Gastinventar, Pferde, Ställe und Fuhrzubehör zählten zu seiner Ausstattung. In napoleonischer Zeit stand als Zwanzigjährige Anna-Maria Wachter, die damals "neue Pflugwirtin", hinter dem Tresen. Vom "Rößle" her hatte sie 1806 eingeheiratet, war aber fünf Jahre später bereits Witwe geworden und musste nunmehr auf sich selbst gestellt, das Anwesen weiterführen. Sie tat es mit bewahrender Umsicht. Die Wende in ihrem Witwenleben brachte kein Geringerer als Herzog Paul von Württemberg. Der exzentrische Herzog, Neffe der Zarin von Russland, leidenschaftlicher Jäger und Naturforscher, machte nach ermüdender Jagd im "Pflug" Quartier. "Fachlich" begleitet hatte ihn der königliche Meisterjäger und Hofbeamte Lorenz Munz. Der Arztsohn aus Bezgenrieth fand Gefallen an der schönen Witwe, quittierte seinen Dienst am württembergischen Hof und führte im Januar 1818 die um sieben Jahre ältere Anna-Maria zum Traualtar. "Bürger und Pflugwirt" stand nunmehr im Kirchenbuch. Munz wurde Vater von sieben Kindern und begründete in Gerstetten eine Gastwirte-Tradition, die 88 Jahre später im Bahnhotel ihren Höhepunkt erfahren sollte.
Zunächst aber ließ er im Hinterhof des "Pflugs" einen Bierkeller ausheben und setzte ein Brauhaus darauf. Ermöglicht hatte es ihm Anna-Maria, deren Vermögen 1818 selbst den Etat der ehemals Freien Reichsstadt Giengen weit in den Schatten stellte. 1824 erlebte das Paar, "ihrem Pflug" gegenüber, den Bau des neuen Schul- und Rathauses (heute Musikschule). 4250 Gulden kostete der stolze Fachwerkbau, für den sich die Gemeinde hoch verschulden musste.
Anna-Maria hätte den Bau aus der Ladenkasse finanzieren können, wie überhaupt die Gastwirte damals "zu den reichsten im Dorf" zählten. Alten und neuen Wein, dazu französische Provinienzen und außerdem den damals sündhaft teueren und ob seiner kräftigenden Wirkung beargwöhnten "Caffee" führte das Munz'sche Paar im Sortiment, bot hundert Gästen Platz und hatte für die Honoratioren 13 gepolsterte Sessel parat.
Verständlich, dass den Söhnen des einstigen Meisterjägers, der zum Kirchgang immer noch Württembergs grüne Wappenfarbe trug und auch auf seine Stiefel mit den silbernen Sporen nicht verzichten wollte, der Sinn nach Höherem stand.
Aber erst dem Munz'schen Enkel Karl war es vergönnt, sich den Traum nach einer noch nobleren Gaststätte zu erfüllen. Die Bahntrasse von Amstetten nach Gerstetten war bereits fertiggestellt und das Schotterbett gelegt, als Karl Munz 1905 den Bau des Bahnhotels beantragte. Nach einjähriger Bauzeit entstand in der Karlstraße ein für damalige Verhältnisse luxuriöser Bau mit Gaststätte, Saal und Fremdenzimmern, und noch ehe der erste Signalpfiff des Bähnles über die kahle Alb erschallte, war es fertiggestellt, das "Hotel", die Gerstetter Nobelabsteige, die dem "Pflug" alsbald den Rang ablaufen sollte. 1910 ging der Munz'sche Traditionsgasthof in andere Hände über. Die Erwartungen aber, die die Betreiber in das Hotel setzten, wurden nur zum Teil erfüllt. Zwei Weltkriege, Inflation und Wirtschaftskrise hatte es zu überstehen. Otto Munz und Gerde Kiener geb. Munz führten es bis in die Neunziger-Jahre, ehe es in die Hand der Gemeinde überging. Dem Behütergeist von Bürgermeister und Gemeinderat, der Ermunterung durch das Landesamt für Denkmalpflege und den staatlichen Geldgebern ist es zu verdanken, dass es nunmehr in alter Gestalt - jedoch ohne Hotelbetrieb - neu erstehen konnte.
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